Genetischer Ursprung der Slowinzen
Vor einigen Jahren begann Herr Piotr Kapuściński, der am DNS-Projekt der polnischen Regionen beteiligt ist, mit Museumsmitarbeitern zusammenzuarbeiten. Dank seiner Großzügigkeit erhielten wir ein Paket mit DNS-Tests, die wir nun erfolgreich mit der Teilnahme zweier Vertreter der slowinzischen Bevölkerung durchgeführt haben, die ihre Zustimmung dazu gegeben haben. Auf Grundlage der Ergebnisse verfasste Herr Kapuściński einen wissenschaftlichen Artikel, den wir hier veröffentlichen. Wir hoffen auf erfolgreiche weitere Tests bei den jährlichen Treffen der ehemaligen Bewohner des Dorfes Klucken/Kluki.

Genetischer Ursprung der Slowinzen (Leba-Kaschuben)
Vor einigen Jahren stieß ich im Internet auf einen Artikel über Mitarbeiter des Slowinzischen Dorfmuseums in Klucken/Kluki, die Kontakt zu Slowinzen in Deutschland, den ehemaligen Einwohnern von Kluki, aufgenommen hatten. Daraufhin dachte ich, es wäre sinnvoll, auch diese einheimische pommersche Bevölkerung in mein DNS-Projekt „Polnische Regionen“ einzubeziehen und die genetische Herkunft der Slowinzen (auch bekannt als Leba-Kaschuben) zu untersuchen, um verschiedene Fragen zu ihrer Herkunft zu klären, beispielsweise, ob sie den Deutschen oder Polen näher stehen, ob sie slawische oder germanische Wurzeln haben und in welcher Beziehung sie zu den Kaschuben in in der Kaschubei stehen.
Also spendete ich dem Slowinzischen Dorfmuseum mehrere kommerzielle FTDNA-Tests und brachte sie zum Mittelpommerschen Museum in Stolp/Słupsk, von wo aus sie dann nach Klucken/Kluki weitergeleitet wurden. Ich kontaktierte auch die Museumsmitarbeiter, die sich dann dem schwierigsten Teil des Projekts widmeten: der Befragung der ehemaligen Bewohner von Klucken/Kluki und der Entnahme ihrer DNS. Ohne das Engagement der Museumsmitarbeiter wäre das gesamte Projekt nie erfolgreich gewesen. Bisher gab es unter den Slowinzen zwei Freiwillige, einen Mann und eine Frau, die sich auf Drängen der Museumsmitarbeiter bereit erklärten, sich testen zu lassen. Die Mitarbeiter sammelten genetisches Material für die Tests, und ich schickte es an das Labor von Family Tree DNA.
Betrachten wir zunächst autosomale DNS, die von allen Vorfahren vererbt wird (im Gegensatz zur Y-DNS-Haplogruppe, die vom Vater auf den Sohn vererbt wird). Die Ergebnisse des ersten Slowinzen laut MyOrigins-Test von FTDNA waren wie folgt: 100 % Europäer, 88 % Westslawen, 7 % Mitteleuropäer und 6 % Skandinavier. Die Ergebnisse des zweiten Slowinzen: 100 % Europäer, 66 % Westslawen und Ungarn, 17 % Balten, 11 % Westeuropäer und 5 % Finnen. Die Ergebnisse sind ähnlich, obwohl es auch einige ziemlich überraschende Unterschiede für Personen aus derselben kleinen Region gibt. Wenn wir die Ergebnisse beider Slowinzen mitteln würden, kämen wir auf 77 % Westslawen, 9 % West- und Mitteleuropäer, 8 % Balten und 6 % Skandinavier und Finnen. Wir können erkennen, dass der Kern der Herkunft der Slowinzen westslawischer Natur ist, aber abgesehen von diesem Kern gibt es auch germanisch-keltische (Mittel- und Westeuropa), preußische (Balten) und wikingische (Skandinavien und Finnland) Beimischungen.
Was die Haplogruppen des Y-Chromosoms betrifft, so ist die Haplogruppe des einzigen bislang untersuchten slowinzischen Mannes die sogenannte E-V13, ein europäischer Zweig der Haplogruppe E1b1b. Diese Mutation entstand vor etwa 8.000 Jahren irgendwo im neolithischen Europa. Sie wurde unter neolithischen Bauern unter anderem in Ungarn, Spanien und Kroatien gefunden. Allerdings trugen nur etwa 5 % aller im neolithischen Europa lebenden Männer E-V13, wo andere Haplogruppen wie G2a und I2a dominierten. In den folgenden 2.800 Jahren blieb diese Haplogruppe rar. Die wahre „Karriere“ von E-V13 begann erst in der Bronzezeit vor etwa 5.200 Jahren. Offenbar wurden einige neolithische Bauern mit E-V13 dann von den Neuankömmlingen aus der pontisch-kaspischen Steppe assimiliert, den frühen Indogermanen (deren Haupthaplogruppen R1a und R1b waren), die sich in ganz Europa ausbreiteten. Diese indogermanisierten Bauern wanderten dann als Indogermanen durch ganz Europa, wobei sich aus der Haplogruppe E-V13 später Mutationen und Zweige entwickelten. Verschiedene Zweige von E-V13 werden mit indogermanischen Völkern wie den Kelten, Dakern, Thrakern, Illyrern und sogar Slawen in Verbindung gebracht, obwohl E-V13 unter den Slawen nicht die zahlenmäßig dominierende Haplogruppe war. Im frühmittelalterlichen Polen, als Mittelpommern noch zu Polen gehörte, machte die Haplogruppe E-V13 etwa 5 % der Gesamtbevölkerung aus. Es ist daher wahrscheinlich, dass die männliche Linie des untersuchten Slovinzen Pommern mindestens seit dem Frühmittelalter oder länger bewohnt hat.
Zurück zur autosomalen DNS – da es neben dem MyOrigins-Test noch weitere Tools gibt, die interessante Einblicke in die autosomale Abstammung einer Person geben – habe ich die Tests der beiden von mir getesteten Slowinzen in die GEDmatch-Datenbank hochgeladen. Dort können Sie Ihre Ergebnisse mit den sogenannten ADMIXTURE-Rechnern überprüfen. In den Eurogenes K13- und Eurogenes K15-Rechnern weisen beide Slowinzen von allen Populationen die größte Ähnlichkeit mit Polen auf, wobei zu beachten ist, dass Kaschuben in diesen Rechnern nicht zu den Referenzpopulationen zählen.
Mein bevorzugter ADMIXTURE-Rechner ist der Eurogenes K36 (auch auf GEDmatch verfügbar), den ich im Rahmen meines DNA-Projekts „Polnische Regionen“ verwendet habe, um Daten zu den durchschnittlichen Ergebnissen in diesem Rechner für Menschen aus verschiedenen Regionen Polens und den Nachbarländern zu sammeln. Das bedeutet, dass ich alle relevanten regionalen Referenzen in diesem Rechner habe. Vergleicht man die Durchschnittsergebnisse für beide Slowinzen mithilfe der nMonte-Methode mit den durchschnittlichen DNS-Ergebnissen für einzelne polnische Regionen, die im Rahmen meines Projekts gesammelt wurden, stellt sich heraus, dass die Slowinzen interessanterweise eine etwas geringere genetische Distanz zu Polen aus der Koschneiderei, Kujawien und Großpolen aufweisen als zu den Kaschuben in der Kaschubei (denen aus dem ehemaligen Preußen königlichen Anteils).
Mit der Clustermethode Neighbor Joining werden die Kaschuben jedoch in einem einzigen Cluster mit den Slowinzen zusammengefasst. Dies bedeutet, dass die Affinität beider Gruppen trotz unterschiedlicher genetischer Distanzen nachgewiesen wird. Mit der PCA-Methode sind die Slowinzen jedoch wieder näher an Großpolen und Kujawien als die Kaschuben. Dies bedeutet, dass die Slowinzen Großpolen und Kujawien ähnlicher sind als die Kaschuben aus der Kaschubei.
Ein weiteres nützliches Tool für die autosomale DNS-Analyse ist das Global25-System, das auf Basis des Programms smartPCA von Dawid Wesołowski, dem Autor des Eurogenes-Blogs, entwickelt wurde. Dieses System beschreibt das genetische Profil einer Person anhand von 25 PCA-Koordinaten. Mithilfe dieses Tools stellt sich heraus, dass die Slowinzen den Polen aus Kujawien etwas näher stehen als den Kaschuben aus der Kaschubei, während Polen aus Großpolen knapp dahinter liegen. Neben der Überprüfung der genetischen Abstände zu einzelnen Bevölkerungen kann man auch versuchen, eine gegebene Bevölkerung als Mischung anderer Bevölkerungen zu modellieren. Jedes dieser Modelle hat seinen eigenen genetischen Abstand, der niedrig, also gut, ist, wenn er unter 2 % liegt (in diesem Fall zeigt er an, dass das Modell plausibel ist). Es stellt sich heraus, dass der Vahaduo-Algorithmus die folgende Konfiguration als die mathematisch wahrscheinlichste auswählt, wenn ich die Slowinzen mithilfe von G25-Koordinaten als Mischung aus Kaschuben aus der Kaschubei, Polen aus verschiedenen Regionen (einschließlich Großpolen und Kujawien) und Norddeutschen modelliere:
Zielgruppe: Slowinzen
Abstand: 1,6341 % / 0,01634097
65,2 % Kaschuben (Kaschubei)
31,8 % Polen_Großpolen
3,0 % Deutschland_Hamburg
Dies würde darauf schließen lassen, dass die Slowinzen als eine Mischung aus zwei Dritteln Kaschuben aus der Kaschubei, einem Drittel Polen aus Großpolen und einem kleinen Anteil Deutscher modelliert werden könnten. Die wikingische (skandinavische) Beimischung, die wir in den MyOrigins-Testergebnissen zu Beginn dieses Artikels beobachtet haben, fehlt, aber das liegt daran, dass die Kaschuben (Kaschubei) diese Beimischung ebenfalls aufweisen und daher bereits in der 65-prozentigen kaschubischen aus der Kaschubei Abstammung enthalten sind.
Ich glaube jedoch, dass ein solches Modell nur rechnerisch richtig ist, aber nicht die historische Wirklichkeit wiedergibt. Ich glaube nicht, dass ein Drittel der Slowinzen tatsächlich aus Großpolen stammte. Ich glaube, dass die zunehmende Ähnlichkeit mit Großpolen, die wir beobachten, auf etwas ganz anderes zurückzuführen ist – ich glaube, sie rührt von der fehlenden oder geringeren baltischen Beimischung unter den Slowinzen im Vergleich zu den Kaschuben aus der Kaschubei her. Jahrhundertelang grenzten diese im Osten an die Balten – genauer gesagt an die Prußen –, und ich vermute, dass es bis zur Eroberung der Prußen durch den Deutschen Orden durchaus zu einer gewissen Vermischung zwischen ihnen kam. Ich glaube, dass es genau diese Beimischung mit ihren östlichen Nachbarn, den Prußen – kombiniert mit dem Fehlen einer solchen Beimischung unter den viel weiter westlich lebenden Slowinzen – war, die die Kaschuben aus der Kaschubei stärker von den Großpolen (die ebenfalls keine preußische Beimischung aufwiesen) unterschieden.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Slowinzen und die Kaschuben (Kaschubei) eng verwandt sind, die Kaschuben jedoch wahrscheinlich eine stärkere Vermischung aufweisen mit den Prußen und deshalb in der genetischen Ähnlichkeit weiter von Großpolen und Kujawien entfernt sind.
Weitere Tests an weiteren Freiwilligen unter den Slowinzen und anderen Kaschuben werden sicherlich endgültige Antworten auf unsere Fragen liefern. Ich habe außerdem bei FTDNA einen Antrag auf Einrichtung eines DNS-Projekts für die Westkaschubei (die Regionen, die früher zur Provinz Pommern gehörten, nicht zu Westpreußen) eingereicht, an dem Slowinzen, andere Westkaschuben und Deutsche aus diesen Gebieten teilnehmen werden, die von FTDNA getestet wurden.
Piotr Kapuściński (DNS-Projekt der polnischen Regionen), Übersetzung: Joachim Koch



